{"id":103,"date":"2017-05-11T03:30:02","date_gmt":"2017-05-11T01:30:02","guid":{"rendered":"http:\/\/tierimjudentum.de\/?p=103"},"modified":"2017-05-11T03:30:02","modified_gmt":"2017-05-11T01:30:02","slug":"macht-euch-die-erde-untertan-die-kollektive-abwehr-des-juedischen-tierrechts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tierimjudentum.de\/?p=103","title":{"rendered":"Macht euch die Erde untertan? Die kollektive Abwehr des j\u00fcdischen Tierrechts"},"content":{"rendered":"<p>Eine Fehldeutung verstellt den Blick auf das j\u00fcdische Tierrecht, das weiterhin seinen Weg sucht zwischen Vision und kollektiver Abwehr<br \/>\nvon Hanna Rheinz<\/p>\n<p>\u201cMacht euch die Erde untertan\u201d &#8211; diese biblische Botschaft impliziert einen g\u00f6ttlichen Auftrag und beschreibt die Beziehung des Menschen zur Natur nach abendl\u00e4ndischem Verst\u00e4ndnis.<br \/>\nMit dieser mentalen Konstruktion hat sich die Menschheit der Verantwortung f\u00fcr ihre Handlungen weitgehend entledigt; egal wie gro\u00df die Gewalt ist, die Menschen der Natur gegen\u00fcber aus\u00fcben- durch den \u201cg\u00f6ttlichen Willen\u201d erschien sie viele Jahrhunderte lang legitimiert.<\/p>\n<p>Doch entspricht dies wirklich den tierbezogenen Quellen in den j\u00fcdischen Schriftwerken? Zweifel entz\u00fcnden sich an der Interpretation der Quellentexte, die menschliche Interessen in den Vordergrund stellen.<br \/>\nDem gegen\u00fcber steht ein anderes Modell: das Tier hat nach j\u00fcdischer Lehre Rechte, etwa das Recht auf Ruhezeiten, die sein Besitzer zu wahren hat, selbst wenn sie eigenen Nutzungsinteressen entgegen stehen.<\/p>\n<p>Der Anspruch \u201cMacht euch die Erde untertan\u201d ist mit den j\u00fcdischen Lehren nur bedingt vereinbar.<br \/>\nJahrhundertelang lebten die abendl\u00e4ndischen Menschen in der Gewi\u00dfheit, die Ausbeutung der Natur- und der Tiere sei ihr gottgegebenes Privileg. Zweifler gab es viele; etwa die antiken Pythagor\u00e4er, die hebr\u00e4ischen Essener oder die christlichen Katharer.<br \/>\nSie alle forderten und lebten einen schonenende Umgang mit der Natur und den Tieren. Und hatten eines gemeinsam: sie wurden verfolgt und vergessen. Bis zum heutigen Tage verhindern Denkgewohnheiten und Drohungen der machtvollen religi\u00f6sen F\u00fchrer, da\u00df unser Umgang mit den Tieren hinterfragt wird. Wurde fr\u00fcher der Bann (Cherem) oder die condemnatio memoriae, der Verurteilung, f\u00fcr immer und ewig aus der Erinnerung ausgel\u00f6scht zu werden, gegen Abweichler eingesetzt, ist es heute eine andere, nicht weniger wirksame Methode: die kollektive Amnesie, die auf der Gleichg\u00fcltigkeit und Gier der Konsumenten beruht.<\/p>\n<p>Das abgewiesene Opfer: Warum die Sch\u00f6pfungsberichte den Fleischverzehr in den Mittelpunkt stellen<br \/>\nWer sich mit den Texten der Tora besch\u00e4ftigt, erkennt, da\u00df der Herrschaftsanspruch des Menschen auf wackligen Beinen steht: die Zur\u00fcckweisung des Fruchtopfers von Kajn zugunsten des Tieropfers von Hevel ebnete zwar der Fleischkultur den Weg, doch dies steht nicht in Einklang mit den Sch\u00f6pfungsberichten.<br \/>\nNicht unterordnen, t\u00f6ten, ausbeuten, sondern f\u00fcrsorgliche Verantwortung ist die Haltung, die die Tora vom Menschen verlangt. Die Partnerschaft von Mensch und Tier (adam u behema) ist daran ablesbar, da\u00df nichtmenschliche Tiere, anders als in der deutschen Sprache, nicht als Wesen minderen Wertes verachtet und als &#8222;Tiere&#8220; negativ stigmatisiert werden, wenn von Fressen statt Essen, Kadaver statt Leichnam die Rede ist. Die Naturwissenschaften liefern heute die Fakten, die die j\u00fcdische Tierethik untermauern. Es gibt keine objektiven Gr\u00fcnde, Tiere als verachtenswert, als minderwertig, als Ungeziefer zu betrachten. Jede Tierart erm\u00f6glicht den Blick auf Tierindividuen, die sich ihren Weg durch die Welt suchen.<\/p>\n<p>Das Verwendung des Begriffs \u201cUnterwerfung\u201d, \u201cuntertan machen\u201d anstelle des Verbs \u201cerobern\u201d &#8211; richtete unerme\u00dflichen Schaden an; bis zum heutigen Tag rechtfertigt es die Tyrannei des Starken \u00fcber den Schwachen; deren Folge ist die Empathiest\u00f6rung des Menschen anderen Lebewesen gegen\u00fcber: eine im Verhalten und Denken verwurzelte Destruktivit\u00e4t, die nicht nur die Tiere, sondern den Planeten Erde selbst in den Abgrund st\u00fcrzen wird. Die weltweite industrielle Fleischproduktion zerst\u00f6rt die Erde.<\/p>\n<p>Die Religionen, die mit dem Anspruch auftreten, die H\u00fcter von Moral und Ethik zu sein, schweigen angesichts dieses skrupellosen \u201cMacht euch untertan\u201d. Sie schweigen zu den Produktionsanlagen f\u00fcr &#8222;Fleisch&#8220;, die von multinationalen Konzernen in globalem Ma\u00dfstab gebaut werden und die vegetarischen Kulturen Asiens vernichten.<br \/>\nDie Vertreter der Religionsgemeinschaften wenden ihren Blick ab. Sie sind Nutznie\u00dfer und geh\u00f6ren zum Kartell des Schweigens, mit denen sie diese Parallelwelten sch\u00fctzen. Damit ignorieren sie ihre eigenen ethischen Normen: die Schriften des Judentums als Quellentexte aller abrahamitischen Religionen, fordern den Schutz der Tiere (Tza`ar baalei chayim\u201d), die nach dem j\u00fcdischen Religionsgesetz, der Halacha als beseelte und empfindsame Lebewesen gelten, deren Schutz nicht von Mitleid oder Gnade abh\u00e4ngt, sondern von Gerechtigkeit, selbst wenn dies den wirtschaftlichen, politischen oder pers\u00f6nlichen Interessen der Menschen zuwiderl\u00e4uft.<br \/>\nMensch und Tier haben den Bund mit Gott geschlossen und sind einander als Seelen- und Schicksalsgef\u00e4hrten beigesellt sind.<br \/>\nDie Schriften des Judentums: Talmud, Mischna, Aggada, Tehillim, Perek Schira &#8211; widmen sich dem Tier und seiner Bedeutung f\u00fcr den Menschen auf der Grundlage der ethischen Trias von Zedek, Chesed und Rachamim: Gerechtigkeit, G\u00fcte und Mitgef\u00fchl, zu dem der Mensch dem Tier gegen\u00fcber aufgefordert ist. Ebenso wie im Verh\u00e4ltnis von Mensch und Gott geht es nicht um Gnade oder Mitleid, das willk\u00fcrlich gew\u00e4hrt, ebenso wieder entzogen werden kann -, sondern um Gerechtigkeit.<\/p>\n<p>Eine globale Amnesie: Der vergessene und verleugnete biblische Veganismus<\/p>\n<p>Dreh- und Angelpunkt des Verh\u00e4ltnisses von Mensch und Tier ist die Frage der Zul\u00e4ssigkeit des T\u00f6tens und Verzehrens von Tieren.<br \/>\nDas urspr\u00fcngliche Verbot des T\u00f6tens von nefesch chaja, von lebendiger Seele wie in den beiden Sch\u00f6pfungsberichten (Genesis 1:29-30 sowie Genesis 9:1-4) beschrieben, ist vergessen worden. Weltweit hat sich eine Umkehrung der Werte durchgesetzt; w\u00e4hrend Lebewesen als minderwertig, als beliebig manipulierbare, beliebig ausrottbare Biomaterialien behandelt werden, gelten \u00f6konomische Interessen a priori, alternativlos und nicht hinterfragbar, als h\u00f6herrangig.<br \/>\nDie Frage, wie es zu dieser Fehlentwicklung hat kommen k\u00f6nnen, f\u00fchrt zur gro\u00dfen L\u00fcge des Abendlandes, der Behauptung, Gott selbst und die nach seinem Willen agierenden Religionsvertreter und Machttr\u00e4ger beauftrage die Ausbeutung der Tiere. Die N\u00e4he von Kirche und Staat, Staat und Wirtschaft, demonstriert eine andere Interpretation von &#8222;Bund&#8220; als jene die zum Nutzen aller Lebewesen einst geschlossen wurde.<\/p>\n<p>Der erste Sch\u00f6pfungsbericht (Genesis 1:29-30) ist vegan. Seine wichtigste Botschaft: \u201cIch geb` euch alles Kraut Samen tragend, &#8230; euer sei es zum Essen.\u201d<br \/>\nWie w\u00fcrde die Welt heute aussehen, wenn dieser Sch\u00f6pfungsbericht ernst genommen worden w\u00e4re? Wenn sich nicht der Sch\u00f6pfungsbericht von Genesis 9:1-4 durchgesetzt h\u00e4tte, der dem Menschen die Fleischkost erlaubt, allerdings unter den Bedingungen von Furcht und Schreckens, und einer Blut- und Todes-basierten Ern\u00e4hrungsweise: \u201cAlles, was sich regt, was da lebt, euer sei es zum Essen.\u201d<br \/>\nDie Ern\u00e4hrung mit Totenfleisch steht in Widerspruch zu: \u201cLeben und Tod hab`ich dir vorgelegt, Segen und Fluch; W\u00e4hle das Leben:\u201d (Nizawim 30:19) Die paradoxe Intervention \u201cAlles, was sich regt, was da lebt, euer sei es zum Essen; Doch Fleisch mit seinem Blute, sollt ihr nicht essen\u201d hat einen Subtext: `Es ist gar nicht m\u00f6glich, dies zu erf\u00fcllen. Das Wesen des Fleisches ist es, mit Blut durchsetzt zu sein. Es ist nicht m\u00f6glich, einen komplett unblutigen Zustand zu erreichen. Juden versuchen es seit tausenden von Jahren mittels Ausbluten und Kaschern.<br \/>\nDie Erlaubnis geht mit der Klage \u00fcber die Schw\u00e4che des Menschen einher, der seiner Gier nicht zu widerstehen vermag. Wider besseres Wissen erlaube ich Dir \u201calles, was sich regt\u201d zu essen, doch es darf kein Fleisch mit seinem Blut enthalten. Deuteronomium 12:20 wiederholt die Warnung: \u201c(Wenn) du sprichst: Ich m\u00f6chte Fleisch essen &#8211; weil deine Seele Fleisch zu essen begehrt,- wie es immer deine Seele begehrt, magst du Fleisch essen.\u201d Der Zweifel ist un\u00fcberh\u00f6rbar. Dies ist eine Ausnahmegenehmigung f\u00fcr jene Menschen, die sich nicht von ihrer Vernunft, ihrem Erbarmen, nicht von ethischen Erw\u00e4gungen leiten lassen, weil ihr Begehren (yetzer hara) sie \u00fcberw\u00e4ltigt. Und die sich einreden, da\u00df es T\u00f6ten ohne Blutvergie\u00dfen, Fleischverzehr ohne Blutverzehr gibt. Dabei lautet die Botschaft: Du sollst kein Blut essen. Du sollst nicht t\u00f6ten.<br \/>\nDiese paradoxe Aufforderung zeigt, die Aufgabe h\u00e4tte nie gel\u00f6st werden k\u00f6nnen, es sei denn, indem auf T\u00f6ten und Fleischgier verzichtet und un\u00fcberwindliche H\u00fcrden errichtet w\u00fcrden. Ansatzweise sind diese H\u00fcrden da. Die Warnung der Gewalt, die kein Halten mehr kennt, denn \u201cDer den Ochsen schlachtet, erschl\u00e4gt einen Menschen\u201d (Jesaja 66,3).<br \/>\nDies entspricht den Geboten des biblischen Tierschutzes:<br \/>\ndas Verbot Tiere leiden zu lassen. Das Verbot der Jagd.<br \/>\nDas Gebot, das Blut des unschuldig get\u00f6teten Tieres zu bedecken. Das Gebot: F\u00fcttere dein Tier, bevor du selbst etwas i\u00dft. Behandle es gerecht, \u00fcberfordere es nicht, indem du ein starkes mit einem schwachen Tier einspannst. La\u00df es essen, auch wenn es arbeiten soll. Verbinde ihm nicht das Maul. Hilf dem Tier, auch dem Tier des Fremden, selbst wenn es deinen eigenen Interessen zuwiderl\u00e4uft. Am Schabbat gilt, dem in Not geratenen Tier zu helfen: Pikuach Nefesch, Seelen und Lebensrettung von Menschen ebenso von Tieren &#8211; haben Vorrang.<\/p>\n<p>Das Entbluten soll durch die Schlachtmethode (Schechita) und Zubereitung (Kaschrut) gew\u00e4hrleistet werden. Deuteronomium 12:15-16) fordert: \u201cNur das Blut sollt ihr nicht essen, auf die Erde gie\u00dfet es aus wie Wasser.\u201d<br \/>\nAuch dies ist unerf\u00fcllbar: Das Blut eines Lebewesens l\u00e4\u00dft sich nicht wie Wasser auf die Erde gie\u00dfen. Ein totes Tier mag wie ein leeres Gef\u00e4\u00df sein, doch selbst wenn man es kippt, wird es nicht gelingen, Blut auszugie\u00dfen wie Wasser. Blut l\u00e4\u00dft sich nicht komplett entfernen: sogar koscheres Fleisch enth\u00e4lt Partikel von nefesch chaja.<br \/>\nDennoch gilt koscher versus treife. Um Fleisch verzehren zu d\u00fcrfen, mu\u00df der Mensch charakterlich geeignet sein. Im \u201cBuch der Frommen\u201d (Sefer Chassidim) wird die Frage gestellt: \u201cWie darf der Schuldige das Unschuldige sch\u00e4chten und essen?\u201d<br \/>\nEine Paradoxie: Wer ist wirklich unschuldig und in welcher Hinsicht?<br \/>\nKeiner.<br \/>\nDies ist nicht erf\u00fcllbar. Umso mehr als der Unschuldige gar kein Fleisch essen w\u00fcrde. Das verbietet ihm seine \u201cUnschuld\u201d, seine Reinheit, die ihn Erbarmen mit den Tieren empfinden l\u00e4\u00dft.<br \/>\nDem Fleischverzehr werden unerm\u00fcdlich Riegel vorgeschoben.<br \/>\nDer Talmud geht so weit, den Fleischverzehr nur dem Weisen zu erlauben (der \u201cWeise\u201d verzichtet), nicht jedoch dem rohen, ungebildeten Menschen (Talmud Pesachim 49b).<br \/>\nDie Heiligkeit Israels besteht darin, das Leben der Tiere zu achten. Damit erregt Israel Feindseligkeit. Das Verbot des Blutverzehrs, ein indirektes Verbot des T\u00f6tens und der Gewalt- wirkt als Provokation in einer Umwelt, in der T\u00f6ten und Fleischverzehr nicht hinterfragt wird.<br \/>\nT\u00f6ten, Schlachten und Morden sind Tabuverletzungen. Der Gott, der sich von den Exzessen seiner Schlachter abwendet, hat die Stufe der Ambivalenz \u00fcberwunden, die ihn das Fruchtopfer des Kajn ablehnen lie\u00df, um Hevels totem Fleisch den Vorzug zu geben, was Zwietracht zwischen den Br\u00fcdern s\u00e4te. Kr\u00e4nkung, mit dem eigenen Geschenk abgewiesen worden zu sein. Was folgt ist Mord.<br \/>\nDabei sorgt sich Gott nicht nur um den k\u00f6rperlichen, sondern auch den seelischen Schmerz seiner Tiere: \u201cEin Rind oder Schaf d\u00fcrft ihr nicht zusammen mit ihren Jungen an einem Tage schlachten\u201d (Leviticus 22:28).<br \/>\nMaimonides kommentiert dies mit dem Erbarmen, das vom Menschen erwartet wird: \u201cEs ist hier kein Unterschied zwischen dem Schmerz des Menschen und dem Schmerz der Tiere.\u201d<br \/>\nR\u00fccksichtnahme auf die m\u00fctterlichen Gef\u00fchle wird zur Grundlage der Kaschrut, der Reinheit der Nahrung. Verboten ist, die Mutter mit den Jungen gemeinsam zu schlachten oder die Jungen in der Milch der Mutter zu kochen (Deuteronomium 22:6). Wenn ein Vogeljunges genommen wird, mu\u00df man die Mutter fliegen lassen. Die Mutter soll nicht vor dem Jungen get\u00f6tet werden, damit das Junge nicht elend stirbt.<br \/>\nDiese tierbezogene Ethik f\u00fchrt zu Interessenkonflikten, die eine G\u00fcterabw\u00e4gung erfordern: Der in einen Graben gefallene Esel l\u00f6st einen Konflikt zwischen dem Gebot, einem Lebewesen in Not zu helfen (Pikuach Nefesch) und dem Gebot der Schabbatruhe (Schomer Schabbat) aus.<\/p>\n<p>Die Konfliktl\u00f6sung besteht in einem Kompromi\u00df und nicht darin, dem Tier das eigene Wohlbefinden abzusprechen.<br \/>\nDie Perspektive des in Not geratenen Tieres erweist sich als gleichrangig zu den Interessen des Menschen (oder Gottes, der die Schabbatruhe fordert) &#8211; eine Denkweise, die dem abendl\u00e4ndischen Menschen so fremd blieb, da\u00df sie von Philosophen wie Ren\u00e9 Descartes schlie\u00dflich radikal zuungunsten des Tieres entschieden wurde. Descartes erkl\u00e4rte das Tier kurzerhand zum Automaten. Aus j\u00fcdischer Sicht k\u00f6nnen die Lebensinteressen der Tiere nicht hoch genug bewertet werden: Um der Tiere willen wird die Vernichtung des untreuen Volkes ausgesetzt; Noah wird zum H\u00fcter der Tiere und des \u00dcberlebens.<br \/>\nWelche Folgen h\u00e4tte diese tierfreundliche Tradition auf die Entwicklung der Welt nehmen k\u00f6nnen, w\u00e4re sie nicht als Erbe des \u201cVolkes der Gottessohnm\u00f6rder\u201d verunglimpft, abgewehrt, vergessen worden!<\/p>\n<p>Warum das j\u00fcdische Tierrecht Abwehr provoziert<br \/>\nDie Frage des Apostel Paulus \u201cK\u00fcmmert sich Gott etwa um die Ochsen?\u201d (Korinther I,9), zeigt den Bruch zum j\u00fcdischen Tierschutz. Das Gebot, Tieren kein Leid zuzuf\u00fcgen wird nicht Teil der abendl\u00e4ndischen Kultur, sondern tr\u00e4gt zu den Negativurteilen \u00fcber Juden bei.<br \/>\nWelch eine Provokation mag f\u00fcr die christliche Welt aus dem individuellen Segensspruch des Schochet \u00fcber das Schlachttier erkennbar geworden sein!<br \/>\nDa\u00df Juden sich beim Tier daf\u00fcr entschuldigen, dessen Leben, dessen lebendige Seele nefesch chaja zu nehmen -, wieviel Mi\u00dfbilligung mochte dies in der abendl\u00e4ndischen Welt ausgel\u00f6st haben, die Tieren Seele und Empfindungen absprach und hier tritt ein Minderheitenvolk auf, mit der Unterstellung den Mord des Gottessohnes verursacht zu haben, und behauptet das Tier sei wie der Mensch nefesch chaja und man m\u00fcsse sich daher f\u00fcr sein Schlachten entschuldigen.<\/p>\n<p>Kein Wunder, da\u00df das j\u00fcdische Volk selbst zum \u201cTier\u201d erkl\u00e4rt wird, durch das Dorf gejagt als \u201cJudensau\u201d, H\u00f6hepunkt vieler Volksfeste und in den Reliefs vieler Kirchen in Stein gemei\u00dfelt.<br \/>\nPaulus` Entr\u00fcstung: \u201cK\u00fcmmert sich Gott etwa um die Ochsen?\u201d bringt eine tiefe Kr\u00e4nkung zum Ausdruck. Man h\u00f6rt das Echo des Vorwurfs dem gesamten Judentum gegen\u00fcber, das fortan (und bis auf den heutigen Tag) als verirrt, uneinsichtig, m\u00f6rderisch, gottverlassen, archaisch, grausam, diffamiert wird, weil es den Gottessohn ermordet habe, und dessen Symbol, das Lamm Gottes, dies verwerflichste \u201cTieropfer\u201d des unheiligen, gefallenen Volkes, das nur durch Taufe wieder in den Kreis der Menschheit zur\u00fcckgeholt werden k\u00f6nne&#8230;<br \/>\nIndem Paulus die M\u00f6glichkeit, da\u00df Gott sich um einen Ochsen k\u00fcmmern k\u00f6nnte, weit von sich weist, zieht er einen Schlu\u00dfstrich unter die Gleichwertigkeit von Mensch und Tier, adam u behema, die von den F\u00fcnf B\u00fcchern Mose gefordert wird. Das Tier steht nun &#8211; wie der Jude &#8211; au\u00dferhalb des Kreises der F\u00fcrsorge und des Erinnerns. Die Heiligkeit des Lebens ist nicht l\u00e4nger Besitz aller Lebewesen, sondern wird &#8211; im Fall des Katholizismus &#8211; eher dem ungeborenen Leben als dem Tier zuerkannt. Und selbst die wenigen christlichen Tiersch\u00fctzer, allesamt Ausnahmegestalten, haben sich nicht auf das Naheliegende bezogen, den j\u00fcdischen Tierschutz: ihre Tierliebe blieb stest die Ausnahme, eine dramatische Geste des Erbarmens dem armen \u201cTier\u201d gegen\u00fcber &#8211; Ein Akt der Gnade, nicht der Gerechtigkeit.<br \/>\nKein Weg f\u00fchrt von Franziskus von Assisi, Christian Adam Dann oder Albert Schweitzer zu Martin Buber und Rav Avraham Yizchak HaKohen Kook.<br \/>\nDie heute zur Normalit\u00e4t geh\u00f6rende Zerst\u00f6rung von Lebewesen mit all ihren Folgen f\u00fcr den Menschen und die Menschlichkeit, zeugt von einem jahrtausendelangen Wegsehen vor dem Leid der Tiere. Dies nicht zu erkennen, weist auf das Wahrnehmungs-, Gef\u00fchls- und Wissensdefizit der Religionsgemeinschaften hin.<\/p>\n<p>Nach dem Jahrhundert der Schreckensherrschaften des Nationalsozialismus, Faschismus und Stalinismus, haben sich die Voraussetzungen f\u00fcr eine menschlichere Welt erneut verschlechtert.<br \/>\nDer Holocaust hat die Menschlichkeit nicht gef\u00f6rdert. Im Gegenteil: Die M\u00f6glichkeit, da\u00df Menschen andere Menschen industriell organisiert ermorden nach einer Methode, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Erfindung von Akkordschlachtungen an Tieren praktiziert wird, hat die Hemmschwelle herabgesetzt. Die Vernichtung von Mensch und Tier ist heute leichter und effektiver denn je. Adam u behema stehen einander n\u00e4her als je zuvor.<br \/>\nUnd weniger denn je wird von den Entscheidungstr\u00e4gern in Wirtschaft und Politik die Gleichrangigkeit von Mensch und Tier in Betracht gezogen.<\/p>\n<p>Die gro\u00dfe Kr\u00e4nkung des Menschen durch gemeinsame Abstammung und gemeinsame Affekte, die Sigmund Freud mit Charles Darwin verband, hatte einen Vorl\u00e4ufer: das j\u00fcdische Tierrecht. Bis heute steht es im Weg, wenn es um die gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Tierausbeutung geht. Es liegt nahe, da\u00df Juden bereits fr\u00fcher auch deswegen verfolgt wurden, weil sie \u201canimal rights people&#8220; ihrer Zeiten waren.<\/p>\n<p>Da\u00df die Verleugnung der j\u00fcdischen Tierschutztradition gerade im \u201cLand der ehemaligen T\u00e4ter\u201d eine eigene Dynamik erh\u00e4lt, liegt auf der Hand: Vieles, was mit Juden und Judentum zu tun hat, erzeugt einen Sperrbezirk der Befangenheiten: Nicht Wissen, Nicht Sehen, Nicht H\u00f6ren Wollen. Den j\u00fcdischen Tierschutz als jene Weggabelung erkennen, vor dem die anderen \u201cKinder\u201d Abrahams zur\u00fcckgeschreckt sind, um den Weg der Gewalt zu w\u00e4hlen, gelingt in diesem Land der Ausgrenzung und Ausrottung designierter Untermenschen, Parasiten, Ungeziefer, \u201cTiere\u201d nicht. Diese mangelnde Akzeptanz ist umso \u00fcberraschender, als es ausgerechnet der Tierschutz war, der von den Nationalsozialisten instrumentalisiert wurde, um die arische Ideologie zu verbreiten. Prominente deutsche Tiersch\u00fctzer propagierten die arische Ideologie. Im Reichstierschutzgesetz mit seinem antisemitisch motivierten Sch\u00e4chtverbot aus dem Jahr 1933 fand diese Entwicklung ihren H\u00f6hepunkt. Oder das Dekret aus dem Jahr 1942, das es deutschen Juden untersagte Tiere zu halten. Der Befehl, das geliebte Tier, den Wellensittich, die Katze, den Hund wegzugeben, der Schmerz \u00fcber diese neuerliche Schikane, war f\u00fcr viele deutsche Juden das letzte gro\u00dfe Trauma vor der Deportation.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend j\u00fcdische Kultur allerorten gro\u00dfe Wertsch\u00e4tzung erf\u00e4hrt, wird der j\u00fcdische Tierschutz verleugnet *) &#8211; auch innerhalb der j\u00fcdischen Gemeinschaft. Die Ironie der Geschichte, in Sachen Tierschutz haben die Nazis ihre Ziele weitgehend erreicht: Sie haben unter den \u00dcberlebenden und ihren Kindern einen nicht zu kittenden Ri\u00df hinterlassen. Es scheint, als w\u00fcrden j\u00fcdische Tiersch\u00fctzer auf der T\u00e4terseite verortet. Eine Mauer des Schweigens umgibt sie. Und sie wird aufrechterhalten: von jenen Tiersch\u00fctzern, die ihr Desinteresse an \u201cReligion\u201d zelebrieren, von Vertretern der Tierschutzverb\u00e4nde, die aus pragmatischen Gr\u00fcnden, um potentielle Erblasser nicht zu vergr\u00e4men, sich nicht von den menschenverachtenden Parolen ewiggestriger Sch\u00e4chtgegner distanzieren &#8211; und schweigen, wenn dazu aufgerufen wird, man solle Juden und Muslime mit stumpfen Messern sch\u00e4chten-, von jenen, die Juden als Sprachrohr des bet\u00e4ubungslosen religi\u00f6sen Schlachtens behandeln, und auch von Seiten der j\u00fcdischen Gemeinschaft selbst, die ihre eigenen Tiersch\u00fctzer am liebsten unter den Teppich kehren m\u00f6chte: Weil sie an die Partnerschaft von Mensch und Tier erinnern, weil sie die Schriften in anderer Weise lesen, um die tierfreundlichen Stimmen fr\u00fcherer Jahrtausende h\u00f6rbar zu machen, weil sie verd\u00e4chtigt werden, j\u00fcdische Traditionen, und zwar Fleischrezepte-, zu gef\u00e4hrden. Die Koscherfleischh\u00e4ndler laufen Sturm, dabei ist Israel neben Indien das Land mit der gr\u00f6\u00dften Verbreitung des Vegetarismus. Abgelehnt werden sie, weil sie an die Traumata r\u00fchren, die Juden durch den \u201cdeutschen Tierschutz\u201d widerfahren sind.<br \/>\nDie Tora verlangt: \u00dcbernehmt &#8211; be zelem elohim &#8211; endlich Verantwortung f\u00fcr alle Gesch\u00f6pfe unserer Erde.<br \/>\nFolgt der Vision, dem Gegenentwurf zur globalen Ausbeutung: der Mensch ist H\u00fcter der Erde (Schomer ha adama), sein Ziel, die zerbrochene Welt wieder instand zu setzen (Tikkun ha Olam).<br \/>\nDie Religionsgemeinschaften sind aufgefordert, sich den Ungeheuerlichkeiten der industriellen Tierproduktion entgegen zu stellen.<br \/>\nDie Visionen der Tierfreunde von Am Jisroel fortzusetzen: Der Wanderer in der W\u00fcste trifft auf den streunenden Hund und findet den Seelengef\u00e4hrten; Der Esel f\u00fchrt seinen Reiter zum Engelsboten des Sch\u00f6pfers. Der Schlachter sieht die Todesangst in den Augen des Kalbes, das um sein Leben bittet; er legt sein Schlachtmesser beiseite. Und h\u00e4lt die Akkordschlachtstra\u00dfe an.<\/p>\n<p>Copyright:<br \/>\nDr. Hanna Rheinz<\/p>\n<p>Kontakt:<br \/>\nemail Hanna-Rheinz@posteo.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Fehldeutung verstellt den Blick auf das j\u00fcdische Tierrecht, das weiterhin seinen Weg sucht zwischen Vision und kollektiver Abwehr von Hanna Rheinz \u201cMacht euch die Erde untertan\u201d &#8211; diese biblische Botschaft impliziert einen g\u00f6ttlichen Auftrag und beschreibt die Beziehung des Menschen zur Natur nach abendl\u00e4ndischem Verst\u00e4ndnis. Mit dieser mentalen Konstruktion hat sich die Menschheit der &hellip; <a href=\"https:\/\/tierimjudentum.de\/?p=103\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Macht euch die Erde untertan? Die kollektive Abwehr des j\u00fcdischen Tierrechts<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/tierimjudentum.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/103"}],"collection":[{"href":"https:\/\/tierimjudentum.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/tierimjudentum.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tierimjudentum.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tierimjudentum.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=103"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/tierimjudentum.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/103\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":105,"href":"https:\/\/tierimjudentum.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/103\/revisions\/105"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/tierimjudentum.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=103"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/tierimjudentum.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=103"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/tierimjudentum.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=103"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}