Elemente des jüdischen Tierrechts

Mitgefühl, Gerechtigkeit, der Versuch, Rücksicht auf Schwächere zu nehmen, sogar wenn sie einer anderen Art angehören, „Tiere“ sind, also auf der untersten Ebene der Hierarchie stehen,  auf  die Menschen sich geeinigt haben, um ihre eigene Position in der Natur zu begründen, wobei Tiere ebenso wie Sklaven als unwerter gelten als Menschen – all dies sind Werte, die dem heutigen,  auf Nützlichkeit und Gewinn ausgerichteten Denken fremd sind.

Was wir heute als „Tierethik“ bezeichnen, ist Teil eines Welt- und Menschenbildes, das auf einem Code der Gerechtigkeit beruht und durch zahlreiche Gebote und Verhaltensanweisungen beschrieben wird;  in Narrativen und Parabeln, talmudischen Kommentaren und Diskussionen, werden vom Menschen   Handlungen und Verhaltensweisen eingefordert, die ihn dazu anleiten sollen, sich selbst und die anderen, wozu auch die nichtmenschlichen Lebewesen, die Tiere gerechnet werden, auf der Grundlage einer Ordnung zu bewegen, die auf Mitgefühl und Gerechtigkeit gegründet ist.

Die Mitleidshaltung,  die im Mittelpunkt des in der Neuzeit entstandenen Tierschutzes steht, der sowohl von philosophischen als auch christlichen Quellen abgeleitet wird,  spielt dabei keine Rolle.

Das Gebot, kein Leiden und keine Schmerzen zu verursachen, wird von einer Rechtsposition des Schwächeren abgeleitet, die es ermöglicht, daß auch der Schwächere, und  das Tier Anrecht auf Schutz, Rücksichtnahme, Versorgung, Ruhezeiten hat.

BEISPIELE

Die Regeln der Kaschrut beruhen

1. auf der Ordnung der Tiere hinsichtlich ihres Status zur Nahrung des Menschen werden zu dürfen – alltagssprachlich wird dies als Unterscheidung von „reinen“ und „unreinen“ Tierarten bezeichnet, wobei dem Menschen verboten ist „Aas“ in allen seinen Formen, also verwesendes oder durch Verunstaltung, Unfall,  oder Jagd gewonnenes Fleisch zu verzehren. 

2. auf der Unterscheidung der Nahrungsbestandteile hinsichtlich ihrer Herkunft, wobei  zwischen den  beiden Gruppen „fleischiger“ und „milchiger“ Nahrung unterschieden wird.

Abgeleitet wird dies von der Bestimmung, daß es ein Frevel sei  „das Böcklein in der Milch seiner Mutter zu kochen“.

Die Begründung beruht also auf dem Frevel, der darin zum Ausdruck kommt, daß ein Tierjunges in der kochenden Milch seiner Mutter getötet und zubereitet wird. Mit anderen Worten, durch das Leiden der  Mutter mittels ihres eigenen Körpers,  ihrer Milch, ihr Junges zu töten, kann eine so gewonnene Nahrung nicht koscher, also für den Verzehr tauglich sein.

Im Zentrum der Kaschrut (Koscher Gesetze) steht das Verbot Blut zu verzehren. Blut gilt nach jüdischer Lehre als Sitz der Seele, die Mensch und Tier zu  „nefesch chaya“ also lebendigen, von Atmen bestimmten, beseelten Lebewesen macht.

Mit ihrem detaillierten Regelwerk berühren die Kaschrutgebote die Frage der Haltung, Versorgung, Fütterung, Nutzung  der Tiere und die Methode ihres Schlachtens, das nach dem Regelwerk der Schechita (Schlachtung nach jüdischen Gesetzen) zu geschehen hat, also ohne dem Tier unnötige Qualen und Ängste zu bereiten.

Verbot  der Jagd

Dazu gehört auch das Verbot des Jagens und des Tötens durch die Jagd. 

Verboten ist es auch, Tiere vor den Augen, also im Anblick der Todesangst der anderen  Tiere zu töten.

Jüdische Tierrechtler leiten hieraus das Verbot des Tötens im Akkord  ab, wie es in modernen Schlachtanlagen üblich ist.

Um Wildtiere zu schützen, werden vorwiegend domestizierte Tiere als Nahrung genutzt. Damit wurde Fleischverzehr zu einer reglementierten, aufwendigen Ernährungsweise, die  bus zum heutigen Tag nicht zum “täglichen Brot” werden kann.

Wie sehr der Verzehr von Fleisch und die Nutzung von tierischen Produkten wie Leder tabuisiert wird, zeigt auch das Fehlen eines Segensspruches bezüglich des Verzehrs von Fleisch und der Nutzung von Kleidung, die aus Tierhäuten (Leder) oder Horn hergestellt ist.

Kein Segen – und kein Segensspruch liegt über der Nahrung von Fleisch: denn Fleisch ist das Produkt von Tierleid und geht mit Töten einher ebenso wie Tierhäute, Lederprodukte usw.

Mitgefühl und jüdische Tierethik
Mitgefühl Tieren gegenüber war und ist Teil jeder jüdischen Erziehung. Ein “guter Jid”  zu sein, geht einher mit der Fähigkeit, die Seele seines Tieres zu erkennen. Mitgefühl steht im Mittelpunkt der jüdischen Tierethik. Eine Bildung des Herzens und der tätigen Empathie für die Schwachen. Ein Schutz, der jenen eine Stimme gibt, die von den  Menschen als „stumm“ erfahren werden. Dies sind die Ziele von  „Tza`ar baalei chayim“, dem Verbot, Tiere zu quälen, einer Ethik, die in der Tora, der Mischna (der mündlichen Lehre) und dem Talmud verankert ist. Die Botschaft  wie sie auch in Perek Schira, dem „Gesang der Natur“ veranschaulicht ist,  lautet:  das Leben aller Lebewesen (nefesch chaya)  ist schützenswert und „heilig“.

Bei aller Verschiedenheit der Arten gilt jedwedes geborene Leben als „heilig“, einzigartig und schützenswert (Perek Schira -Gesang der Natur und Segensprüche).

 

Der Stellenwert der sorgenden und verantwortlichen Beziehung des Menschen zum Tier wird an Beispielen aus dem Leben jüdischer Führungspersönlichkeiten veranschaulicht:

Menschen, die wie König David zu Anführern ihres Volkes werden, fallen durch Sorge und Verantwortung gerade für die schwächsten  ihrer Tiere auf. Es gilt,  den Schwächsten zu retten, und  nicht den Schwachen zu opfern, damit die Starken stärker werden.

Die Nutzung von Tieren ist kein Freibrief zu Ausbeutung und Sklaverei. Freundlichkeit und gute Versorgung dient dem Wohl der Tiere wie das Gebot der Schabbatruhe für Tiere, was den Tierhalter nicht von seiner Pflicht der Versorgung und Pflege seiner Tiere entbindet – selbst wenn der Tierhalter dafür die eigene Schabbatruhe unterbrechen muß.

Für die Bewertung der jüdischen Tierethik ist entscheidend, daß Tierschutz niemals von Willkür, von Vorlieben etwa für bestimmte Tierarten oder Tiernutzungen, oder  von spontanen Gefühlsregungen abhängig ist, sondern Pflichten des Menschen einfordert.

Die Unterscheidung zwischen dem Tierschutz, der sich auf eine Mitleidsethik beruft und dem jüdischen Tierrecht, das  von einer Rechtsposition des Tieres abgeleitet wird, die jeden Menschen,  also nicht nur Tierhalter zu Verhaltensweisen und Rücksichtsnahmen verpflichtet, weist  der jüdischen Tierethik eine einzigartige Stellung für die modernen Tierschutzbewegungen zu.

Daß diese bis zum heutigen Tag nicht eingelöst wird, sondern im Gegenteil, die Rolle des Tierschutzes für das Judentum von Nichtjuden mehrheitlich als negativ wahrgenommen und kritisiert wird, erscheit  als eine Absurdität, die sich nur mit dem Wirken von Verleugung, Abwehr, und Umwandlung ins Gegenteil erklären läßt.

Tierschutz wird bis zum heutigen Tag instrumentalisiert, um  Judenfeindschaft zu begründen und aufrechtzuerhalten. Daß  dies von der Tierschutzöffentlichkeit hingenommen und sogar gefördert wird durch kollektives Totschweigen ist ein Skandal.

 

Wissen Sie eigentlich, … ?

… daß die Tora, das Grundlagenwerk des Volkes Israel die vermutlich älteste Tierrechtslehre der Welt enthält?

… daß die jüdische Schlachtmethode (Schechita) entwickelt wurde, um Quälereien und Grausamkeit beim Schlachten von Tieren zu verhindern?

… daß die Schöpfungsgeschichten – Grundlage der monotheistischen Glaubenslehren – der Menschheit eine  vegane, aus Pflanzen, Früchten, Nüssen und Körnern bestehende Ernährungsweise empfiehlt?

… daß Freundlichkeit und Gerechtigkeit bei der Behandlung von Tieren ein zentraler Bestandteil der  jüdischen Ethik ist?

Diese Webseite will Ihnen einige Grundlagen der jüdischen Tierrechtslehre vorstellen.  Im Archiv finden Sie Artikel und Literaturempfehlungen, die Ihnen auch eine intensivere Beschäftigung mit „Tier im Judentum“ ermöglicht.

 

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